ongoing

Silvia Mazall · Lätitia Norkeit · Rosa Rücker · Kathrin Sohn

28. Januar 2017 bis 26. Februar 2017
Vernissage: Freitag, 27. Januar 2017, 19.30 Uhr
Finissage: Sonntag, 26. Februar 2017, 19.30 Uhr

Finissage mit Künstlerinnengespräch und Auslosung der Kunstlotterie.

Sonntag 12. und 19. Februar 2017, jeweils 16.00 Uhr
Präsentation zeitbasierter Arbeiten neben Kaffee und Kuchen:

Postkarte ongoing, Vorderseite: Straßenzeichnung (Foto: Rosa Rücker)

Postkarte ongoing, Vorderseite: Straßenzeichnung (Foto: Rosa Rücker)

Die Ausstellung ongoing präsentiert Arbeiten der Künstler*innen Silvia Marzall, Lätitia Norkeit, Rosa Rücker und Kathrin Sohn, deren verbindendes Element ein starkes Interesse am Prozesshaften ist. Künstlerische Themen und Fragestellungen werden bei ihnen auch nach Jahren wieder aufgegriffen, neu betrachtet und verarbeitet, um später nochmals aus einer erneuten Perspektive erkundet zu werden. Aufgrund von Ähnlichkeiten in der Vorgehensweise und den daraus resultierenden Arbeiten findet zwischen den vier Künstler*innen seit Jahren ein intensiver Austausch statt. Wie geht die Andere mit dem Verhältnis von Prozess und Ergebnis um? Wie kann der Prozess als solcher gezeigt werden? Wie können Momentaufnahmen herausgelöst und als Arbeiten präsentiert werden? Obwohl die Künstler*innen keine gemeinsamen Werke schaffen, finden sich Spuren der aus der Vierer-Dynamik entsprungenen Impulse in den unabhängig voneinander entstandenen Bildern und Objekten wieder.


Silvia Marzall, applied fold A#1, 2016/2017, 3D-Animation, Größe variabel, Loop, Abbildung© Silvia Marzall

Silvia Marzall, applied fold A#1, 2016/2017, 3D-Animation, Größe variabel, Loop, Abbildung© Silvia Marzall

Silvia Marzall interessiert sich für das Phänomen des Prozesses als ein komplexes System, das alle Bereiche des Lebens durchwirkt. Vom Menschen erfundene grafische Hilfsmittel zur Darstellung und zum Verständnis dieser Vorgänge wie (z. B. Raster und Netz) stehen im Zentrum ihrer Arbeit. In der aktuellen Ausstellung zeigt sie eine Printauswahl und eine 3D-Animation der Serie applied fold, anhand derer sie Faltenbildungen an textilen Materialien und Papier analog sowie digital untersucht. Hierbei interessiert sie sich besonders für die Elemente und Veränderungen, die Fläche zu Raum werden lassen – wie etwa Licht und Schatten oder kleine Unterbrechungen in der Regelmäßigkeit von Strukturen oder Formen. Diese Herangehensweise knüpft an ihre vorhergegangenen minimalen Interventionen in Millimeterpapier und ihre Auseinandersetzung mit den Strukturen Raster und Netz als Metaphern der Nutzung von Raum an.


Lätitia Norkeit, Gefüge, 2015, Zeichnung ( Bleistift, Papier ), 21 x 29,7cm aus der Wandinstallation "Gefüge" bestehend aus ca. 90 Zeichnungen, Abbildung © Lätitia Norkeit

Lätitia Norkeit, Gefüge, 2015, Zeichnung ( Bleistift, Papier ), 21 x 29,7cm aus der Wandinstallation „Gefüge“ bestehend aus ca. 90 Zeichnungen, Abbildung © Lätitia Norkeit

In Lätitia Norkeits künstlerischem Schaffen spielt das Zusammenspiel von Text und Bild eine wichtige Rolle. Dabei strebt sie weniger eine wechselseitige Illustration oder Erklärung an, sondern vielmehr einen Dialog, eine Konfrontation, ein Wechselspiel zwischen den beiden Medien. Zeichnen und Schreiben sind für sie Möglichkeiten des Begreifens und des Verständlichmachens. So laden sich in ihren Werken Begriffe mit persönlichen Inhalten auf, verdichten sich zu Zeichen und Symbolen, die sich im weiteren Verlauf des künstlerischen Prozesses miteinander verknüpfen und in alle Richtungen auswuchern. Ihre Arbeit Gefüge setzt sich mit Gestaltungsfunktionen und Bedeutungsebenen von Organisation auseinander. In einer Wandinstallation fügt sie hierzu Zeichnungen und Texten, entstanden im Laufe mehrerer Jahre, und ein Künstlerbuch zusammen.


Videostill "Innere Welt Wurm", 2014/6, Video, Format variabel (hier 193 x 337 cm),Abbildung © Rosa Rücker

Videostill „Innere Welt Wurm“, 2014/6, Video, Format variabel (hier 193 x 337 cm),Abbildung © Rosa Rücker

Rosa Rückers Arbeit Wurm Nr. 83 basiert auf ihrer langjährigen künstlerischen Auseinandersetzung mit gentechnischen Methoden. Angelehnt an die wissenschaftliche Darstellung von Genomen versucht die Künstlerin die visuellen Bildinformationen einer Regenwurmfotografie in Form von Zeichnungen, digitalen Analysen, praktischen und theoretischen Farbexperimenten, Berechnungen und objekthaften Modulen zu definieren und abzubilden. Ihr Vorgehen ist zum einen charakterisiert durch systematisierte Produktion, Verwaltung und Reproduktion, zum anderen aber auch durch das Integrieren von dynamischen, unvorhergesehenen Eigenheiten ihres künstlerischen Materials. Die dabei entstehende Verschmelzung von formaler Logik eines Wurmkörpers und ordnender Wirkung geistigen Erfassens übersetzt Rosa Rücker anschließend in ein großformatiges Bild und präsentiert es in der Ausstellung landschaftsartig per Videoprojektion.


Kathrin Sohn, Big Data (Anne), 2013/2016, Bleistift-, Radiergummi-, Tintenzeichnung auf Papier, 20 x 20 cm, Abbildung © Kathrin Sohn

Kathrin Sohn, Big Data (Anne), 2013/2016, Bleistift-, Radiergummi-, Tintenzeichnung auf Papier, 20 x 20 cm, Abbildung © Kathrin Sohn

Im Zentrum der Arbeit von Kathrin Sohn steht das menschliche Gesicht und seine Erkennung bzw. die Wiedergabe in verschiedenen Kontexten, wie etwa bei Facebook oder in biometrische Verfahren. Seit Jahren arbeitet sie mit unterschiedlichen Medien und Materialien in diesem Themenfeld, wobei sie bereits bearbeitete sowie auch neue Bilder und Aspekte in den fortlaufenden Prozess aufnimmt. In ihrer aktuellen Arbeit Big Data „liest“ Kathrin Sohn eigene Porträtzeichnungen aus dem Jahr 2013 neu aus. Gleich einem Programm zur Bild-/Gesichtserkennung hält sie in einem automatisierten Zeichenprozess akribisch jede visuelle Information fest. Durch die unterschiedslose Behandlung von gezeichneten Linien, Faserverläufen im Papier oder Oberflächenverschmutzungen werden manche Spuren verstärkt, während andere verschwinden. Die frühere Zeichnung geht in einer neuen Zeichnung auf, welche wiederum auch nur eine Momentaufnahme in dem andauernden Prozess darstellt. Das Vorgehen verweist auf Verfahren der technischen Gesichtserkennung, in welchen, gleich dem Zeichenprozess, „neue“, andere Gesichter erzeugt werden.

Kuratiert von Susann Kramer


Veranstaltungen:

Präsentation zeitbasierter Arbeiten I

Charles Toulouse liest graum.xyz
Eingeladen von Lätitia Norkeit

Sonntag, 12. Februar 2017, 16 Uhr

Der Berliner Schauspieler Charles Toulouse liest 15 Gedichte und Texte des 2015 von Michael Ebert-Hanke gegründeten Verlagsprojekts graum.xyz – raum für freien text und dichtung

Grenzlinie in Form eines Bildes
Bildvortag von Rosa Rücker

Ausgehend von der in der Ausstellung präsentierten Videoinstallation “Innere Welt Wurm” erläutert Rosa Rücker die relevanten Fragestellungen und Prozesse ihrer künstlerischen Arbeit. Die Frage nach Inhalt und Form des aktuell ausgestellten Bildes steht am Anfang eines Exkurses über ihre Vorstellungen und Erfahrungen, die sie in ihrer Auseinandersetzung mit der Wahrnehmung von Bildinformationen begleiten.

Präsentation zeitbasierter Arbeiten II

Von Brasília über Raster und Netz zur Faltung
Bildvortrag von Silvia Marzall

Sonntag, 19. Februar 2017 um 16 Uhr

Ergänzend zur Ausstellung ongoing im Kunstverein Neukölln präsentieren die Künstlerinnen Silvia Marzall, Lätitia Norkeit, Rosa Rücker und Kathrin Sohn vier zeitbasierte Arbeiten, die Bezug zu ihren aktuell gezeigten Werken nehmen. Die nun kommende zweite Veranstaltung findet am kommenden Sonntagnachmittag in gemütlicher Atmosphäre bei Kaffee und Kuchen statt.

Netz zur Faltung
Bildvortrag von Silvia Marzall

In ihrem Bildvortrag verknüpft Silvia Marzall die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten der Serie applied folds mit früheren Arbeiten, in denen Raster und Netz als Metaphern der Nutzung von Raum im Fokus standen. Konkreter Ausgangspunkt für jenen Ansatz war eine Recherche zur Planung und Nutzung der Stadt ihrer Kindheit, Brasília.

a portrait of Vivian (Vortrag in Zeichnungen seit 2013)
Video von Kathrin Sohn
Länge: 30:34 Min

Der „Vortrag in Zeichnungen“ von Kathrin Sohn beschreibt, wie sich das Gesicht eines Menschen in unsere Wahrnehmung als Zeichen für einen Menschen einschreibt, so wie sich das Schreiben als motorische Geste in unsere Körper einschreibt. Dieses „Gesicht-Zeichen“ wird von der Künstlerin durchgearbeitet, in seinen Grenzen ausgelotet, zugespitzt und schließlich erschöpft, bis es zum Bruch kommt und sich ein Raum für Neueinschreibungen eröffnet.